Joachim Richau   Fotografie

          

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Pankow von Dr. Katrin Arrieta

Ausstellung in der Galerie Pankowheim suche und transit sind biografisch angelegte Bildgruppen, entstanden über einen Zeitraum von 13 Jahren. Zwischen beiden besteht ein Zusammenhang, ein zeitlicher und einer der Intention und gegenseitigen Verweisungen. Sie sind mental verschieden gefärbt – augenscheinlich durch das Abwesendsein von Farbe hier und ihre Anwesenheit dort, die insofern bedeutungsvoll scheint, als das Eindringen der Farbe in die visuelle Klaviatur einen Wechsel der Tonlage begleitet, nicht unbedingt zum Lauteren oder Schwereren, eher von Dur zu Moll, aber vielstimmig und vor allem sinnlich. Hier wie dort geht es um Unterwegssein als Art, sich vom Leben berühren zu lassen: In der Fremde fühlt der Fotograf Joachim Richau sich nicht nur lebendig, sondern zu Hause.

Thema von heim suche – der Bildgruppe und des dazu gehörigen Buches – ist der Weg zu sich mithilfe des Sehens und Sich-Umschauens in Ländern, Städten und Landschaften, die der Fotograf bereist hat, allein oder mit Menschen, die ihm nahe stehen, mit Eltern, Freunden, Kindern: Landschaften in Irland, Schweden, Polen, Belgien, Frankreich, der Schweiz und Italien, Orte in Brandenburg, New York und Berlin … Der visuelle, Bild gewordene Ertrag all dieser Aufenthalte und Durchreisen ist in sich erstaunlich konsistent: Selten finden sich darin Anhaltspunkte für genaue Lokalisierungen, noch seltener ein im Sinne der Reportage interessantes Motiv, stattdessen die unprätentiösen und wie im Vorbeigehen festgehaltenen Anblicke gewöhnlichen Lebens, einander so verwandt, als stammten sie von benachbarten Schauplätzen. Tatsächlich spiegeln sie nicht die Orte wider, an denen sie aufgenommen wurden, sondern das Verhältnis des Fotografen dazu. Sie sind Zeugnisse jenes einverständlichen Zusammentreffens zwischen visuellem Ereignis und Empfindung, das Joachim Richau zum Fotografieren veranlasst. Die Empfindung, um die es geht, ist eine persönliche, im Moment des Fotografierens Gestalt annehmende, nicht unversehens, denn sie ist erwartet, das Ereignis vorgebildet in einem quasi poetischen Gesamtentwurf visueller Möglichkeiten, wo jede einzelne nur dann zur fotografischen Formulierung wird, wenn sie sich diesem Entwurf einfügt – insofern ist Gesehenes für Richau nie Gegenstand der Dokumentation im Sinne distanzierten Festhaltens von Tatsachen, sondern alles ist bildpoetisches „Material“ und gewinnt seine Bedeutung in Bezug auf das visuelle Konzept des Künstlers.

Ausstellung in der Galerie PankowAls sinnbildhaft gemeintes Motto eigener Wahrnehmung ist heim suche indessen kein Projekt, das voraussehbar abzuarbeiten gewesen wäre, sondern ein Prozess, der sich speiste aus einer mehr oder weniger brennenden Lebens-Aktualität mit offenem Ausgang. Es scheint dem angemessen, dass die sieben Teile des Buches wie der Bildgruppe weder in zeitlich linearer Reihe geordnet noch in sprachlich logischer Weise benannt sind, darüber hinaus mit einem Fragment enden: Das Projekt wirkt dadurch nach allen Seiten unabgeschlossen wie eine fraktale Struktur, etwas im Wesen Natürliches, das gleichwohl folgerichtig ist, nicht anders zu machen, als geschehen. Vielleicht verbürgen auch die sieben Kapitel der heim suche das Unwiderrufliche eines Abschlusses, denn mit der Siebenzahl ist ja gewissermaßen eine mythische Vollendung erreicht. Gewollt oder nicht, verweist der Schluss mittels der Zahl auf die Gültigkeit des Ganzen, die Aussagekraft seines offensichtlich fragmentarischen Charakters, fordert also dazu auf, diesen als Teil der Botschaft anzuerkennen: die beiläufig gewonnenen Anblicke als offen gelegte Bruchstücke eines Lebenszusammenhangs, den der Autor in seinen Bildern als Essenz seiner im Grunde meditativen Erfahrung zu rekonstruieren versucht.

Dabei spielen Innenansichten, Ein- und Durchblicke eine besondere Rolle. Unschärfen im Detail lenken Aufmerksamkeit auf die Raumbefunde im Ganzen: Richaus Bildräume sind selten weit dimensioniert oder beherbergen klar umrissene, mit Abstand gesehene Dinge, sondern wirken ausschnitthaft bis zum Extrem und erwecken den Eindruck transparenter Schichtungen, deren formales und stoffliches Beschaffensein sich nur zögernd zu erkennen gibt - als gelte es, zugunsten einer anderen Version von Lebenskenntnis mit der fotografischen Deutlichkeit auch ein Sehpostulat aufzuheben, um sprichwörtlich den Blick von der Oberfläche der Dinge in die Tiefe zu richten mit der Frage, wie sie im Wesen zueinander stehen und sich verhalten - wie etwa ein Gesicht andringendem Wasser standhält oder einem plötzlichen Sandwirbel. Wie, was sich ähnlich ist, im Fluss der Elemente zu einander findet und wie das Polare, und ob nicht häufig auch beides in einem zusammen trifft? Joachim Richau komponiert seine Bildtableaus derart, dass auf hintergründige Weise zueinander Gehöriges Zwiesprache hält, kraftvoll, dynamisch manchmal, leise, fast flüsternd öfter.

Ausstellung in der Galerie PankowAm Ende von heim suche, vor dem Blick in einen Tigerrachen, steht das Bild eines Vogelflugs in New York: Möwen, die weißen Flügel schattengeschwärzt, Unheil verkündend. Es bildet die Brücke zu transit, der Bildreihe aus den Jahren 2005 bis 2008, zusammengestellt aus einem ungleich größeren Fundus spontaner Aufnahmen aus dieser biografischen Umbruchphase. Der Titel deutet an, dass es sich um ein Übergangs-Projekt handelt, weniger die Mittel zur Bilderzeugung betreffend als die veränderte Seh-Einstellung des Künstlers. War heim suche wie alle früheren Arbeiten Richaus schwarzweiß und mit analoger Kamera aufgenommen, so kommt in den digitalen Bildern von transit erstmals Farbe zum Tragen: Frischer wirken sie und direkter als früher, fast „dichter am Leben“, während im selben Zuge und in wechselnder Verkleidung Todesmotive auftreten, nicht neu eingeführt vom Fotografen, aber deutlicher positioniert als in älteren Arbeiten. Es ist, als hätten sie sich nunmehr allenthalben und unverblümt dargeboten, nicht drohend, eher versöhnlich und eingebettet in die Ästhetik des Lebens, in kontrapunktischem Dialog mit Motiven der Daseinsruhe und stillen Verwandlung. Indessen: auch in transit erwächst die Plausibilität der Bilder wie der Bildfolgen aus Form und Farbe: Wie immer bei Joachim Richau gestattet das rein visuell angelegte Spektrum möglicher Assoziationen auch eine emotionale Offenheit, in der neben Melancholie ein bodenständiger Mutterwitz seinen Platz hat.


Dr. Katrin Arrieta

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Kurzbiographie von Joachim Richau

Joachim Richau wurde 1952 in Berlin geboren. Er beschäftigt sich seit 1979 mit Fotografie und ist seit 1983 freiberuflich als Fotograf tätig. Seitdem sind zahlreiche Projekte realisiert und in Ausstellungen gezeigt worden: u.a. „Bilder aus Beerfelde I, II und III“, „Berliner Traum“, „Land ohne Übergang – Deutschlands neue Grenze“, „Schwarzer Morgen – Lachender Tag“. Arbeiten befinden sich u.a. im Besitz der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, der Brandenburgischen Kunstsammlung Cottbus sowie in Privatbesitz. Joachim Richau hatte zahlreiche Einzelausstellungen und Beteiligungen im In- und Ausland. Im ex pose-verlag sind zahlreiche Kataloge sowie Bücher veröffentlicht worden. Joachim Richau lebt und arbeitet in Berlin und Malungsfors/Schweden.

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